Moneta: Wann waren Sie das letzte Mal in der Natur?
Hans Rusinek Seit kurzem habe ich in Hamburg einen kleinen Stadtgarten, in welchem ich eine Wildblumenwiese anlege. Da ich gewöhnlich viel am Schreibtisch sitze, ist das Arbeiten im Garten für mich ein wichtiger Ausgleich. Der Natur etwas abzuringen, ist eine sehr ursprüngliche Erfahrung.
In Ihrem Buch «Work Survive Balance» schreiben Sie, bei der Arbeit der Zukunft gehe es auch um die Zukunft des Planeten. Wie kommen Sie darauf?
Alles, was den Planeten an den Rand bringt, geschieht durch Arbeit. So ist Arbeit der Faktor, der zum Beispiel die Klimakrise auslöst. Deshalb müssen wir uns an die Arbeit wenden, wenn wir uns aus dieser Krise herausarbeiten wollen.
Sie möchten die Natur direkter in die Wirtschaft einbinden. Arbeitsräume seien zu begrünen, die Mitarbeitenden sollen mehr Waldspaziergänge machen. Was soll das bringen?
Aus der Forschung weiss man, dass Spaziergänge der Kreativität förderlich sind. Meist nehmen wir die Natur nur als Abstraktum wahr und schreiben in einem Betongebäude irgendwelche Konzepte darüber. Es wäre uns mehr gedient, wenn wir konkret wissen, welche Bäume bei uns wachsen oder woher das Wasser stammt, das aus unseren Hähnen fliesst. Es geht um eine Art Bioregionalismus – was ist die Natur, die wir schützen wollen? Das würde uns dazu bringen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Wir müssen Verantwortung wieder spüren können.
Während unseres Telefons spazieren Sie gerade durch Hamburg. Was sehen Sie?
Ich schreite der Alster entlang, es gibt viel Grün hier. Ich nutze Spaziergänge übrigens auch für Organisationen, für die ich arbeite: Ich veranlasse jeweils, dass man im Outlook-Kalender einen kleinen oder grossen Waldspaziergang eingeben kann statt eines Meeting-Raums. Auch für Bewerbungsgesprächen interviewte ich oft schon Leute auf Spaziergängen. Das erzeugt eine gute Bindung.
Für Kader und Büromitarbeitende mag dies funktionieren. Wie soll das aber in der Produktion wie zum Beispiel in einer Uhrenfabrik gehen? Sollen die Arbeitenden einfach mehr spazieren gehen?
So möchte ich nicht verstanden werden (lacht). Ich richte mich in meinem Buch vor allem an Leute, die Wissensarbeit machen. Wenn die Menschen, welche die Abläufe in der Industrie gestalten, verantwortungsvollere Ideen haben, wird das den Leuten am Fliessband zugutekommen.
In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich mit der Frage, wie unsere Wirtschaft enkeltauglich gemacht werden kann. Wie kamen Sie auf das Thema?
Ich forsche zu New Work an der Universität St. Gallen. An Kongressen zu diesem Thema wird fast nie über die Zukunft unseres Planeten nachgedacht. Dort bespricht man mehr Beschleunigungs- und Verdichtungsphantasien! Ein anderer Grund ist die Geburt meiner Tochter, der ich auch mein Buch widmete: Sie ist gut zwei Jahre alt und wird vielleicht bis ins nächste Jahrhundert hineinleben. Damit auch ihre Generation in einer funktionierenden Volkswirtschaft leben kann, muss die Arbeitswelt sich ganz schön verändern.
Um dies zu bewerkstelligen, brauche es mehr ökologische Intelligenz (ÖI), fordern Sie. Was verstehen Sie darunter, und ist dies eine Alternative zur KI, die gerade in aller Munde ist?
Nein, das ist keine Alternative, sondern ein weitere Intelligenzform. Eine grosse Menge der Informationen, die durch die Welt fliessen, wird von den Menschen gar nicht wahrgenommen. Tiere nehmen diese jedoch wahr: Infrarot, Schwingungen, Gerüche, Geräusche in uns nicht zugänglichen Frequenzen. Dies bezeichnen wir als Ökologische Intelligenz. Wir sollten uns vermehrt auf sie abstützen, kann sie doch helfen, zwischen Mensch und Tier zu vermitteln und so für eine grössere ökologische Verantwortung sorgen.